Wer Ohren hat, der höre

Wer kennt ihn nicht, diesen vermaledeiten Satz: „Arbeit macht frei.“ Diese übelste Ausgeburt von Zynismus und Menschenverachtung.

Dabei ist er leider viel näher an der Grundlage der heutigen Ökonomie dran, als uns vermutlich lieb ist.

Denn das System funktioniert nur, weil die große Mehrheit der Menschen daran glaubt, dass ihre Arbeit und ihr eigenes Einkommen, der Weg zur Freiheit wären.

Hinzu kommt ein moralischer Aspekt, der nicht zu unterschätzen ist. Wer nicht arbeitet (oder nicht genug arbeitet), ist und bleibt nicht nur arm, sondern wird als moralisch minderwertig gebrandmarkt.

Der Kodex lautet: Müßiggang ist Faulheit, bringt Sünde und Schande.

Dieser Glaubenssatz ist so tief in uns eingepflanzt, dass er fast wie ein Naturgesetz wirkt. Aber er ist kein Naturgesetz – er ist ein kulturelles Konstrukt, das historisch und ideologisch gezielt geschaffen und auch noch immer gepflegt wird.

Woran auch die katholische Kirche gehörigen Anteil hat. Sie hat über Jahrhunderte die Arbeit zur religiösen Pflicht und den Müßiggang zur Sünde erklärt – und damit einen wichtigen Grundstein für das heutige Arbeitsethos gelegt.

Dass es in der Kirchengeschichte auch ganz andere Stimmen gab (besonders hervorzuheben sind da die Mystiker), ist mir bewusst. Doch sie waren innerhalb der Kirche nie bestimmend.

Jedoch ist auch die protestantische Abspaltung, die mit Calvin, einen der Hauptakteure des Arbeitsethos hervorgebracht hat, mitschuldig. Dessen Denken eine eigene Schule hervorgebracht hat, den Calvinismus. Der die Arbeit als Berufung und gottgefällig interpretierte. Und damit dem modernen Kapitalismus die Tür weit öffnete.

Stellt sich nur die Frage, warum dann diese so hehre, huldvolle, gottgefällige Tat, durch ständige Drohung untermalt werden musste und muss: Bring Leistung und gehorche. Zahle, oder du verlierst alles. Den Job. Die Wohnung. Die Familie. Das Ansehen.

Auch die psychologischen Folgen davon sind längst erkannt: Stress, Depression, Konformität.

Doch auch die gesellschaftlichen Folgen sind gravierend: Anpassung. Unwillen zur Veränderung. Akzeptanz des Hamsterrades. Unterwerfung.

Das Kernversprechen des modernen schuldenbasierten Kapitalismus lautet: Arbeite, zahle deine Schulden, sei produktiv. Denn dann wirst du frei. Wirst reich – und damit frei von Armut, frei von Abhängigkeit. Als auch frei von der Scham, ein Verlierer zu sein.

All das stets begleitet vom Mantra: Wir schaffen Wohlstand.

Fragt sich nur: für wen und auf wessen Kosten?

Die Angst vor wirtschaftlichem Absturz ist allgegenwärtig. Und die Freiheit von dieser Angst ist definitiv nicht gewünscht. Zumindest nicht von jenen, die vom derzeitigen System am meisten profitieren.

Denn, die Angst ist es, die uns fesselt. Insbesondere der nicht enden wollende Bammel, gegen ach-so-hehre Regeln zu verstoßen.

Sie fesselt an die Tradition, an die Überlieferung. Eine, die die Arbeit regelrecht adelt.

Diese Tradition hat uns alle tief geprägt. Weil auch die Eltern und Onkel und Tanten es vorlebten. Weshalb sie fast gesetzmäßig und natürlich wirkt. Und so jeden innerlichen Zweifel an der Erzählung sofort erstickt.

Noch immer gilt Arbeit, im Allgemeinen, als notwendig und wird schon in der Bibel, als dem Menschen zugehörig gesehen.

„Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ (1. Mose 2.15)

Im Paradies war dies sicherlich eine Tätigkeit, die so gar nicht nach heutiger Arbeit klingt, nicht den negativen Aspekt davon versprüht, sondern wohl eher Freude bereitete. Weil, als sinnvoll und befriedigend erachtet.

Es ist doch bekannt. Viele würden beruflich lieber etwas anders tun, als das, was sie tun. Würden gern experimentieren. Sich mit neuen Herausforderungen konfrontieren. Wenn ihnen denn der finanzielle Spielraum dafür geboten würde.

Allerdings sollte, wenn von Arbeit die Rede ist, auch der Müßiggang erwähnt werden. Als Möglichkeit, Gott näher zu sein.

Nicht ohne Grund suchen Menschen, vermehrt nach spiritueller Tiefe. Pilgerreisen sind in. Santiago de Compostela ist für viele ein Sehnsuchtsziel.

Warum findet sich im Neuen Testament die Erwähnung von den Vögeln, die nicht säen?

„Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“

Und auch von den Lilien auf dem Feld?

„Sehet die Lilien auf dem Feld, wie sie wachsen: Sie mühen sich nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.“

Es geht letztlich um Vertrauen. Darum, dass Gott den Menschen Gutes tun will. Ihnen wohlgesonnen ist.

Genau diese grundsätzlichen Fragen um Sinn und Zweck des Daseins, mit denen wir hadern, haben auch Jesus bewegt. Vor allem, als er in der Wüste mit seinen Dämonen rang.

Allein, hungrig, am Ende seiner Kräfte.

Da führt Satan ihn auf einen hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit. „All das will ich dir geben“, sagt er, „wenn du niederfällst und mich anbetest.“

Das war kein leeres Versprechen. Satan konnte es anbieten, weil er die Macht über dieses zerstörerische System hat. Zumindest solange wir mitmachen.

Der Zins ist, da hege ich keinen Zweifel, sein Werk.

Reichtum und Herrschaft. Alles, was du willst – aber nur, wenn du dich vor mir niederwirfst.

Jesus hätte reich werden können. Mächtig. Beinahe unantastbar. Er hätte nur Ja sagen müssen zum Zinssystem. Er hätte nur nicken müssen.

Aber er sagte: „Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: „Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.“

Es war von ihm kein prinzipielles nein zu Reichtum oder Macht. Sondern nur die Ablehnung der damit verbundenen Bedingungen.

Der Ausbeutung durch Zins.

Der Unterstützung der Lüge: „Arbeit macht frei“.

Dem Leid, das so vielen Menschen dadurch angetan wird.

Es war die Entscheidung zur Freiheit: nicht die, des Verbleibs in der vermeintlichen Sicherheit des Systems.

Es erfordert Mut, aus dem Zinsgebäude herauszutreten – im Vertrauen auf Gott, der sagt: Fürchtet euch nicht.

Ohne Beschönigung: Es ist eine schwere Entscheidung.

Und jeden Tag stellt sie sich aufs Neue. Mit zwei Fragen.

Wo stehst du? Und wem dienst du?

Teilen:
wird veröffentlicht
wird nicht veröffentlicht
0 Comments
Oldest
Newest