Ja, so kam mir das uns gelehrte Vaterunser, wenn ich es hörte oder las, immer vor. Schon als Jugendlicher.
Ein Gebet, gespickt mit altertümlichen Worten, die mehr verschleiern als offenlegen.
Und diese altbackene Übersetzung alter Schrifttexte soll das Wort Jesu sein, mit dem er all den Verzweifelten damals, die unter der Knute der Römer litten, Mut zu sprach?
Wohl kaum. Dazu war es schlicht zu harmlos. Zu fromm. Zu erbaulich. Nur eine nette Aufforderung, ein besserer Mensch zu werden.
Einen derartigen Bittruf hätten sie auch im Tempel hören können.
Also, wieso hätten die Menschen alles stehen und liegen lassen sollen, nur um ihm in die Wüste zu folgen und seinen Worten zu lauschen? Zu Tausenden?
Ich sage es Ihnen. Jesus hat ihnen nämlich etwas ganz anderes gesagt, als uns überliefert wird.
Eine neue, präzise Übersetzung – erarbeitet mit modernsten KI-Tools (deep seek v3 und Grok) und tiefem Blick auf die aramäischen und griechischen Quellen und die jüdische Tradition – bringt es ans Licht:
Unser aller Vater im Himmel,
Heilige Du selbst, Gott, Deinen Namen – er erlöst und befreit.
Dein Reich komme und Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf der Erde.
Gib uns heute, was wir zum Leben brauchen, und erlasse uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen.
Bewahre uns vor der Versuchungund erlöse uns vom Bösen.
Das war es schon. Kurz, aber mit Biss.
Und gleich ein „Wow“ hinterher! Denn er hat von Schulden gesprochen. Von Schulden. Ohne jeden Zweifel.
Im griechischen Original steht ὀφειλήματα (opheilēmata) – eindeutig ‚Schulden/Verbindlichkeiten‘, nicht ἁμαρτία (Sünde).
Also keine Rede von „Schuld“. Von Schuld im moralischen Sinn. Oder von Sünde.
Nein, er hat eindeutig von realen, erdrückenden, das Leben zerstörerischen Schulden geredet, wie auch schon Martin Luther in seiner Vaterunser-Übersetzung.
Von Schulden, die die Menschen in die Knechtschaft zwingen und ihnen aus Verzweiflung, dann oft nur noch den Weg in den Tod lassen. Trotz aller religiösen Gebote.
So wie es in Indien seit Jahrzehnten zu beobachten ist
Und ein Artikel von 2019: https://www.fr.de/panorama/bauern-begehen-massenhaft-selbstmord-11658798.html
„Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen.“
Das war keine sanfte Ermahnung zur inneren Läuterung. Das war ein Aufruf.
Mehr noch. Ein direkter Angriff auf das Zins- und Ausbeutungssystem seiner Zeit.
Und noch dazu ein Echo des alttestamentlichen Jubeljahrs – alle 50 Jahre Schuldenerlass. Rückgabe von Land. Befreiung von Sklaven.
Kein Wunder, dass die Menschen ihm in Scharen folgten. Das war keine Moralpredigt.
Das war radikal, direkt an der Wurzel des Übels ansetzend.
Und mit der Zeile, die den Ausgebeuteten am meisten Hoffnung macht: … wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen.
Das war ein Weckruf an all die Verzweifelten, die kaum genug zum Leben hatten und unter dem Tribut der Römer litten.
Das Vaterunser war also keine sanfte Ermahnung, sich von Sünden fernzuhalten. Nein, es war vielmehr ein Aufruf zur persönlichen Befreiung. Der Befreiung von Schulden und auch der unrechtmäßig erhobenen Gewinne.
Und genau deshalb trage ich dieses ursprüngliche, scharfe Vaterunser jetzt auf die Straße.
In Schwarz und in Weiß.
Und ohne die typischen verharmlosenden Nachsätze, Doxologie genannt.
Weshalb mir das so wichtig ist? Zuerst ein Blick zurück.
Die Römer schröpften die Bevölkerung damals rücksichtslos: Hohe Steuern trieben die Menschen in die Verschuldung.
Es war Schuldknechtschaft – denn wer Steuern und Zinsen nicht zahlen konnte, verlor Land und Freiheit. Gar nicht so selten gar das Leben.
Denn in der römischen Welt waren Sklaven bloße Objekte. Gezwungen zur Arbeit in Minen, in der Landwirtschaft, in Haushalten.
Ausbeutbar bis zum Tod.
Bei den Übrigen taten Kriege, Schulden oder Armut das ihrige.
Jesu Gleichnisse und Kritik (z. B. am Reichtum, an der Schuldenfalle) zielten genau auf diese Ausbeutung.
Auf der Gegenseite, die Eliten – Römer und die kollaborierende Tempelaristokratie, denn sie profitierten von all dem.
Und jetzt ein Blick in die Gegenwart.
Ist es wirklich so anders?
Schauen wir auf die Kindersklaverei in Bergbau und Landwirtschaft.
Heute arbeiten Millionen Kinder unter grausamen Bedingungen, oft in Ketten der modernen Sklaverei.
Laut UNICEF waren 2024 rund 138 Millionen Kinder in Kinderarbeit verwickelt, viele in gefährlicher Arbeit wie Bergbau (Kobalt, Gold für unsere Smartphones) oder Landwirtschaft (Kakao, Baumwolle).
In Ländern wie dem Kongo oder Indien werden Kinder für Cents ausgebeutet, während Konzerne Milliarden verdienen.
Das ist keine „Entwicklungshilfe“, das ist Ausbeutung im Namen des Kapitalismus.
In der westlichen Welt sieht es subtiler aus, aber nicht weniger zerstörerisch.
In Deutschland verlieren Tausende ihre Wohnungen durch Mietschulden und Zwangsräumungen. Allein 2024 wurden über 32.000 Wohnungen geräumt, oft gewaltsam, weil Mieten explodieren und Einkommen nicht mithalten.
Die Wohnungsnot ist eine Krise der Ausbeutung: Spekulanten und Fonds treiben die Preise hoch, während Normalverdiener auf der Straße landen.
In den USA ist es noch dramatischer: Hunderttausende leben obdachlos, oft auf der Straße oder in ihren Autos. 2024 waren 771.480 Menschen obdachlos, ein Rekordhoch, darunter viele Familien und Veteranen.
Oder schauen wir doch in die sogenannten „Entwicklungsländer“. In denen bewohnen Arme einfache selbst zusammengezimmerte Hütten, bestenfalls winzige gemauerte Rohbauten. Oft ohne Wasser, Sanitäranlagen und Stromanschluss.
Für „Westler“ ein Albtraum.
Doch für Milliarden von Menschen alltägliche Realität.
Weltweit gilt: Die Reichen häufen Assets, Vermögenswerte an, während die Armen aus dem System fallen.
Kriege und Krisen verschärfen das – das Ziel: Zerstörung, um danach neu aufzubauen.
Das ist pervers. Aber der inneren Logik des Zinssystems folgend.
Wer es sehen will, sieht es. Die römische Besatzung und unsere Zeit haben Parallelen: Damals Sklaverei durch hohe Steuern und Abgaben, heute moderne Sklaverei und Schuldknechtschaft, durch Ausbeutung.
Aber Jesu Botschaft war klar: Befreiung von Schulden.
Und die Lösung?
Sie steht schon in der „Heiligen Schrift“ – und sie ist rigoros. Aber durchaus machbar.
Der Zehnte als laufende Umverteilung. Ständiger Fluss statt Geld anhäufen. Also Geld, das nicht hortbar ist. Das Zirkulieren muss – und der Gemeinschaft aller dient.
Kein Zinseszins mehr, der die Welt regelrecht auffrisst. Vielmehr ein Geld, das den Zehnten von selbst abwirft.
Ich nenne es Zehntgeld.
Es wäre der Geist des Jubeljahrs – und zwar jeden Tag.
Darüber bald mehr. Denn das wäre echte Befreiung vom Bösen.
Noch ein wichtiger Einwurf: Jesus hat nicht die Römer angegriffen, sondern die Tempelaristokratie Palästinas. Er war kein Aufrührer. Sein Standpunkt: Wenn schon das Volk Gottes nicht die Gesetze Gottes einhielt, wie konnte er es dann von den Ungläubigen verlangen.
Denn die Hohepriester waren es, die mit den Römern kollaborierten.
Ihnen warf er vor, einen Gutteil der Arbeitserträge der eigenen Bevölkerung dem Zinsschlund auszuliefern, der sie genussvoll einsog und dann anschließend als dicke Haufen bei denen hinterließ, die eh schon viel hatten.
Doch, das war noch nicht alles, was sie verantworten mussten. Sie beuteten die Bevölkerung, nämlich noch zusätzlich aus. Nahmen ihnen auch noch das Wenige, das sie hatten.
Allerdings auf Umwegen.
Auf dem Tempelvorhof herrschte alltäglich ein Markttreiben. Unterbrochen nur am Sabbat. Da war der Marktbetrieb strikt untersagt. An Feiertagen wie Pessach allerdings nicht. Solange die nicht auf einen Sabbat fielen. Denn besonders an hohen Feiertagen herrschte Hochbetrieb auf dem Markt.
An allen anderen Tagen bereicherten sich die Händler durch den Verkauf von Opfertieren (Tauben, Schafe, Rinder), die zu überteuerten Preisen verhökert wurden. Nur deshalb möglich, da das Mitbringen von Opfertieren (aus religiösen Reinheitsgründen) nicht erlaubt war.
Und auch ein Geldwechsel war nötig, da die Tempelsteuer nur in tyrischer Währung angenommen wurde. Ein lukratives Geschäft für die dort akkreditierten Geldwechsler, die dort ebenfalls ihrem Gewerbe nachgingen.
Von diesen Geschäften profitierten indirekt die Hohepriester-Familien, die von Rom eingesetzt waren. Offiziell erhielten sie nur die übliche Tempelabgabe. Erhoben allerdings von den Geldwechslern und den Händlern von Opfertieren zusätzlich hohe Gebühren, die diese natürlich mit Aufschlag an die Käufer weiter gaben.
Durch diesen Winkelzug wurden die Opfertiere und der Wechselkurs des tyrischen Schekels für viele Pilger unerschwinglich. Das System machte so den Gottesdienst zur finanziellen Belastung – statt zur Begegnung mit Gott.
Wer es ganz genau wissen will, kann es in den beiden Beiträgen (einfach die Links öffnen) nachlesen:
Kuriosität am Rande. Ein Zinsbefürworter (Vermögensberater), der fundiert über den Aufruf zur Abschaffung des Zinses schreibt.
Ob ihm die Diskrepanz bewusst ist?
https://westfalium.de/2022/02/28/muenzen-aus-biblischer-zeit-sichtet-der-kiepenkerl
Der Tempel war also nicht nur religiöses Zentrum, sondern auch wirtschaftliches und politisches Machtzentrum des Landes.
Der Lärm und Trubel im Vorhof machten es für Nichtjuden unmöglich, dort in Ruhe zu beten.
Das war die Räuberhöhle, die Jesus säuberte, als sich Hunderttausende Gläubige, wegen des nahenden Pessahfestes, in Jerusalem aufhielten.
Doch mit dieser Tat forderte er die jüdische Herrscherclique heraus. Hatten sie ihn bisher als irregeleiteten Wanderprediger betrachtet, der ihnen ein Dorn im Auge war, war er nun zu einer großen Bedrohung ihrer Einkünfte und Macht geworden.
Noch dazu, weil er es gewagt hatte, dies vor aller Augen zu tun. Denn jeder, der sich zu dem Zeitpunkt in Jerusalem aufhielt, dürfte es mitbekommen haben.
Es wird der Brisanz wegen, nicht nur das Tagesthema gewesen sein.
Das besiegelte sein Schicksal.
Die Hohepriester wollten ihn tot sehen.
Brauchten dafür aber die römische Gesetzbarkeit.
Für Pontius Pilatus war all das allerdings eine innere Angelegenheit der Juden, die ihn nichts anging.
Weshalb er auch davon absah, Jesus offen zu verurteilen. Im Gegenteil, er gab die Entscheidung an die Juden zurück.
Und wusch so, seine Hände in Unschuld.
Und in der Gegenwart. Wiederum sind es die Mächtigen, die ihre Gottverbundenheit betonen und sich aufgrund ihrer Position auserwählt fühlen. Und stets das Zinssystem gutheißen.
Oftmals sehr, sehr vermögende Menschen, die ihre moralischen Werte angeblich der Bibel entlehnen und allem Anschein nach vom inhaltlichen Zinsverbot noch nie etwas gelesen oder gehört haben.
In ihrem Verhalten ähneln sie da den Kardinälen und Bischöfen der „Katholischen Kirche“, die jahrhundertelang die ursprünglichen Bibeltexte, hinter der lateinischen Sprache verbargen, wohl um nicht wegen Schuldenerlass und Zinsverbot die eigene Geld- und Machtbasis zu gefährden.
Kaum überraschend, dass sie sich, heutzutage, wieder in Kollaboration mit den Zinsnehmern befinden.
Jesus hat es selbst gesagt: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn gegen seinen Vater aufzubringen, die Tochter gegen ihre Mutter, die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter. Und die Feinde des Menschen werden seine eigenen Hausgenossen sein.“ (Mt 10,34–36)
Wer das neue Vaterunser auf der Haut trägt und auch betet, bezieht Stellung. Genau wie er.