{"id":803,"date":"2023-03-30T16:00:00","date_gmt":"2023-03-30T14:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/achso-ein-schwarzes-schaf.de\/?p=803"},"modified":"2024-07-06T05:29:46","modified_gmt":"2024-07-06T03:29:46","slug":"avanti-dilettanti","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/timotheekavi.com\/achso-ein-schwarzes-schaf\/2023\/03\/30\/avanti-dilettanti\/","title":{"rendered":"Avanti Dilettanti"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Einst schmetterte diese Worte, die wie ein Schlachtruf klingen, ein f\u00fchrender Oppositionspolitiker im Bundestag, dem damaligen Bundeskanzler entgegen. Gemeint wohl als Demaskierung mangelnder Professionalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch. Wenn es ein Motto g\u00e4be, unter das ich mich begeben w\u00fcrde, es w\u00e4re dieses.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, ich bekenne, ich bin Dilettant. Durch und durch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu ein Satz aus einem Beitrag in Deutschlandfunkkultur zum Dilettanten, der sich auf den \u201eDilettanten-Artikel\u201c von Roman Bucelli in der NZZ bezog:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEr ist kein Eiferer. Weil ihm dazu das Sendungsbewusstsein und jeder D\u00fcnkel fehlt\u201c, meint Roman Bucheli. \u201eEr kultiviert souver\u00e4n die Unsicherheit dessen, der die Beschr\u00e4nktheit seines K\u00f6nnens und Wissens im Stillen ahnt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/der-froehliche-dilettant-und-die-melancholie-des-unvollkommenen-ld.1478821\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/der-froehliche-dilettant-und-die-melancholie-des-unvollkommenen-ld.1478821<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/aus-den-feuilletons-avanti-dilettanti-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/aus-den-feuilletons-avanti-dilettanti-100.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich bin damit, wie ich mir einbilde, menschlicher und weniger berechnend, als derjenige, der, nicht lange, nachdem er 1997 das Motto, das im Bundestag zu Gel\u00e4chter f\u00fchrte und selbst den Bundeskanzler zum Lachen animierte, sein Gewissen und den Selbstzweifel &#8211; so scheint es mir &#8211; bei Eintritt in die Welt der hohen Politik abgab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer es nicht wei\u00df und wissen will, wer es war, sollte eine Internet-Suchmaschine befragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man glaubt es kaum, selbst die Tageszeitung \u201eDie Welt\u201c stimmte schon Jahre vor Erscheinen des NZZ-Artikels, in einer Kolumne, einen Lobgesang auf den Dilettanten an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.welt.de\/welt_print\/debatte\/article6738520\/Avanti-Dilettanti.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.welt.de\/welt_print\/debatte\/article6738520\/Avanti-Dilettanti.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verbl\u00fcffend, wo es doch das \u00fcbliche Los des Dilettanten &#8211; und ich behaupte einfach einmal, die meisten sind Autodidakten -, das ihm, in einer Welt der Verschulung, von rigiden Lehrpl\u00e4nen und einer von Nachweisen, die Anerkennung verweigert wird. &#8211; Ausnahmen best\u00e4tigen die Regel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mut zur L\u00fccke, das Bekenntnis zum \u201eImperfekten\u201c. Das ist es, was den Dilettanten auszeichnet. Ihm den Antrieb liefert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er ist sich seiner Beschr\u00e4nktheit bewusst. Und unterscheidet sich da deutlich von den angeblich so Perfekten, Untadeligen und Vorbildhaften. Die nun einmal auf den Entscheiderst\u00fchlen sitzen. &#8211; Zu sicher mehr als 90 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tunnelsicht und Autorit\u00e4tsgl\u00e4ubigkeit &#8211; wie sie die Lehrer in unseren Schulen von den Sch\u00fclern verlangen \u2013 sind auf dem Weg dahin, durchaus hilfreich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu kommt: \u201eDie oberen Zehntausend\u201c, die \u201eTopentscheider\u201c, m\u00f6gen Bewertungen. Die Jahreszeugnisse der Schulen best\u00e4tigten ihnen und best\u00e4tigen Jahr f\u00fcr Jahr auch ihrem Nachwuchs, ihre abgehobene Position. Ein Status, der gegebenenfalls mit teuren Geschenken an Privatschulen oder mit Spenden an mit privatem Geld finanzierte Universit\u00e4ten (es gab Zeiten, da nannte sich das Bestechung) gesichert wird. Notfalls gibt es da noch eine Reihe anderer \u00dcberredungsk\u00fcnste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Diplom, noch besser die Promotion, rundet dann das Selbstbild ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">N\u00f6tig ist all das allerdings nicht. Im alten Geldadel reicht es auch aus, sich in den Kreisen, angemessen zu bewegen. Notfalls l\u00e4sst sich die n\u00f6tige Expertise f\u00fcr allerlei Entscheidungen, problemlos einkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der neue Geldadel ahmt das eifrig nach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist das Holz, aus dem ein Gutteil unserer derzeitigen Entscheidungstr\u00e4ger geschnitzt sind. Autorit\u00e4tsgl\u00e4ubig. Angepasst. Und stets von sich eingenommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr kritische und reflektierte Menschen bleibt da wenig Raum. Sie ecken an. Verursachen Ungemach. Sind auf Dauer nicht Elitenkompatibel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihnen bleibt bestenfalls die zweite Reihe. Dienen so noch als Alibi f\u00fcr die M\u00f6glichkeit des Aufsteigens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erfolgreiche Dilettanten sind in diesen abgehobenen Sph\u00e4ren ungern gesehen. Sie werden toleriert. Aber nicht geliebt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr weiter Blick, ihre Offenheit, ihre Intuition, verst\u00f6rt. Sorgt f\u00fcr Irritationen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">K\u00fcnstler d\u00fcrfen so sein. OK. Die galten ja schon immer als etwas versponnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber doch keine Unternehmenslenker.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder gar Hochschullehrer. Gott bewahre. Das k\u00f6nnte die Studenten auf merkw\u00fcrdige Gedanken bringen. Ihnen eine andere Weltsicht erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer will das schon? Die Eliten jedenfalls nicht. F\u00fcr sie ist alles gut so, wie es ist. Und sie tun alles M\u00f6gliche daf\u00fcr, dass es so bleibt. So bleibt. So bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr Credo: Konservatismus bis zum Umfallen. Wobei sie bei Letztgenanntem nicht sich selbst meinen, sondern eher, die ihnen h\u00f6rigen Funktionstr\u00e4ger. Gern mit F\u00fchrungsambition. Denn die eignen sich besonders daf\u00fcr &#8211; f\u00fcrs Umfallen. Gemeinhin Opportunismus genannt. Das wichtigste Qualit\u00e4tsmerkmal solcher \u201eGro\u00dfgebietiger\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gekaufte Wissenschaftler, Experten jeglicher Couleur, meist abh\u00e4ngig von Stiftungsgeldern, Staatsknete oder ausgelobten Preisgeldern, st\u00fctzen sie. Die Karriere im Blick. Den m\u00f6glichen Ruhm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dilettant ist davor gefeit. Ihm ist das alles suspekt. Und es langweilt ihn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er wei\u00df \u2013 intuitiv &#8211; die M\u00fchen sind den Preis nicht wert. Er weigert sich einfach, seine Neugier, sein Anderssein, seine Lebendigkeit zu verleugnen. Sie an den T\u00fcrstehern zum Elitenzirkus abzulegen. Im Tausch gegen einheitliche graue Anz\u00fcge. Einzig in Schnittform und Tuchqualit\u00e4t sich unterscheidend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen, sich darin entwickelnd zu grauen Herren und grauen Damen, mit \u00fcberwiegend gr\u00e4ulichen Gestammel und oft grausigen Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Michael Ende hat ihnen mit dem Buch \u201eMomo\u201c ein Denkmal gesetzt. Ein Grauenerregendes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Dilettant ist gemeinhin kein Experte. Betreibt keine Faktenhuberei. Er ist eher ein Querdenker, der Verbindungen sieht. Gemeinsamkeiten. Abh\u00e4ngigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er denkt systemisch. Nicht monokausal. Und unterscheidet sich darin fundamental vom Spezialisten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er wei\u00df deshalb um seine Begrenzungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer will schon von sich behaupten, \u201edas gro\u00dfe Ganze\u201c zu \u00fcberschauen. Und trotzdem, es soll sie geben, solche Experten. Arrogant. Einsch\u00fcchternd. Voller Hybris.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja &#8211; es gibt sie. Leider viel zu oft. Gern auch Autorit\u00e4t; Kapazit\u00e4t genannt. Meist Fachidioten, deren Blick nur selten \u00fcber den Tellerrand reicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wird ihre verengte Sichtweise im Alltag kritisch beleuchtet, zeigt sich zuerst Schnappatmung. Gefolgt von Verachtung. Und dem Wunsch, solche Majest\u00e4tsver\u00e4chter in den Staub zu treten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie sonst soll die sektenhafte Faktengl\u00e4ubigkeit und die Arroganz mit der allzu viele \u00c4rzte und Volksvertreter w\u00e4hrend der \u201eCorona-Krise redeten und handelten, denn beschrieben werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wer glaubt noch, dass dies eine Ausnahmeerscheinung war?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst Journalisten beteiligen sich inzwischen. Berufen sich bei allerlei Themen lautstark auf Fakten, Fakten, Fakten. Deren Auswahl und Aussagekraft oft mehr Zweifel als Zustimmung weckt. Sie betreiben Sch\u00f6nf\u00e4rberei. Biedern sich an. Jenen, den sie eigentlich, n\u00e4hmen sie ihren Job ernst, ob deren Einf\u00e4ltigkeit oder Boshaftigkeit, \u201eden Kopf waschen sollten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nada. Nichts davon. Im Gegenteil. Dummschw\u00e4tzer jeglicher Couleur haben sich in den Redaktionen und auf politischen Posten eingenistet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der einfache B\u00fcrger haut sich beinahe jeden Tag mit der flachen Hand an die Stirn. Immer \u00f6fter leise vor sich hin murmelnd: unfassbar! Unfassbar!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt ihm auch sonst?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Galt das Bonmot; \u201eWenn Wahlen zu grunds\u00e4tzlichen \u00c4nderungen f\u00fchren w\u00fcrden, w\u00e4ren sie l\u00e4ngst verboten\u201c, noch vor einiger Zeit, als \u00dcberspitzung von Kabarettisten, setzt es sich in immer mehr K\u00f6pfen fest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist Legitimationsentzug durch die Hintert\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und er wird zweifellos Folgen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Menschen werden ihr Los wieder selber in die Hand nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So gut sie es verm\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihnen allen ein frohgemut zugerufenes \u201eAvanti Dilettanti\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst schmetterte diese Worte, die wie ein Schlachtruf klingen, ein f\u00fchrender Oppositionspolitiker im Bundestag, dem damaligen Bundeskanzler entgegen. 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